Hier möchte ich Euch die Geschichte von Nobelwind erzählen. Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregen soll. Eine Geschichte, die wieder einmal zeigt, wie undankbar der Mensch sein kann. Und wie die Tiere darunter zu leiden haben.

 

Alles begann im Juli 2000.
Meine Freundin Nicole und ich erfuhren von einem anderen "Pferdemenschen" von einem erst neunjährigen Westfalen-Wallach, der nicht besonders gut gehalten wurde und wohl schon seit einem Jahr in seiner Box stünde, ohne dass sich der Besitzer darum kümmern würde.

Neugierig geworden fuhren wir zu dem besagten Stall. Ein Resthof, aus dem dessen Besitzer einen Selbstversorgerstall (soll heißen: Boxen, Strom und Wasser wurden gegen Miete gestellt, Futter, Heu und Stroh, sowie Füttern und Misten liegen bei den Einstellern) gemacht hatte. Sogar eine kleine Reithalle gab es.
Der Hof an sich machte einen ordentlichen Eindruck und Nicole und ich waren gespannt, ob sich hier nun wirklich so ein armes Pferd befinden sollte. Wir fanden Nobelwind schließlich in einem Stall, bestehend aus 6 Boxen. Jeweils drei gegenüberliegend. Es waren nur drei dieser Boxen besetzt. Und in der Mittleren stand ein großes, braunes Pferd, welches bei unserem Eintreten ängstlich schnaubend in die äußerste Ecke seiner 3 x 3 m Box zurückwich und versuchte, sich unsichtbar zu machen. Aufgrund seines Stockmaßes von über 1,70 m gelang es ihm natürlich nicht und Nicole und ich wagten es, einen Blick in seine Box zu werfen.

Was wir dort zu sehen bekamen, war erschreckend. Eine dünne und völlig verdreckte Schicht Stroh sowie mehrere Haufen Pferdeäpfel bedeckte den Boden, man konnte die Pflaster-Steine darunter sehen. Heu war keines zu entdecken. Auch kein Salz- oder Mineralleckstein. Die Hufe des Pferdes waren in einem Zustand, der verriet, dass sie schon ewig keinen Schmied mehr gesehen hatten. Und das Pferd selbst, welches in die Ecke gedrückt dastand und nervös abwechselnd mal mit dem linken und dann wieder mit dem rechten Vorderbein scharrte, hätte gut zwei Zentner mehr auf den Rippen haben dürfen.
Wir standen dort einige Zeit, fassungslos ob der Zustände, als plötzlich einer der anderen Pferdebesitzer den Stall betrat (alle anderen Pferde sahen übrigens sehr gut aus, auch die Boxen waren in tadellosem Zustand). Man kam ins Gespräch und wir erfuhren die Geschichte um dieses arme Pferd:

Sein Besitzer hatte den Wallach mit Namen Nobelwind für seine Tochter gekauft, die ein Pferd haben wollte, um damit Turniere zu reiten. Der Händler, bei dem er gekauft wurde, sollte das Pferd bringen. Doch auf dem Transport gab es einen Unfall und der Pferdeanhänger stürzte samt Nobelwind um. Das Pferd brach sich dabei das linke Griffelbein. Trotzdem wurde es letztendlich weitertransportiert und beim Käufer abgeladen. Dort wurde es in die Box gestellt, mit der Zusicherung, dass es "umgetauscht" werden würde, wenn die Verletzung nicht innerhalb von 6 Wochen verheilt wäre (einen Schmierzettel, auf dem dies "vertragsähnlich" ausgemacht wurde gab mir später Nobelwinds damaliger Besitzer).
Nun, die Verletzung heilte nicht in der angegeben Zeit, und so sollte das Pferd vom Händler wieder abgeholt werden, da der neue Besitzer keine Lust mehr hatte, noch mehr Geld in ein Pferd zu investieren, von welchem er keinen Nutzen hatte.
Noch einmal ließ sich Nobelwind, der liebe Kerl, verladen. Doch die Ausfahrt des Bauernhofes war tückisch. Schmal an den Seiten und mit wenig Platz nach vorn. Dazu noch abfallend. Der Händler, wohl auch ärgerlich darüber dass er nun das Pferd am Hacken hatte, nahm sie zu schnell, und Nobelwind, auf soetwas in seinem Hänger nicht vorbereitet, stürzte erneut.
Natürlich war das Pferd daraufhin nicht mehr zu bewegen, auch nur noch in die Nähe des Anhängers zu gehen - was durchaus nachvollziehbar ist. So wurde er wieder in seine Box gestellt und dort blieb er nun. Nahezu ein Jahr lang. Der Besitzer zahlte zwar weiter seine Stallmiete aber alles andere überließ er dem Mitleid der anderen Einsteller.
Diese fütterten Nobelwind mit ihrem eigenen Futter und ihrem Heu, um ihn vor dem Verhungern zu retten, und gaben ihm auch dann und wann frisches Stroh oder misteten seine Box, damit die Mistschicht darin nicht übermäßig hoch wurde. Und das alles ohne einen Pfennig Geld zu sehen.
Entsprechend sauer waren die Leute natürlich auf Nobelwinds Besitzer.
Man hatte wohl auch schon das Veterinäramt informiert, doch von dort bekam man nur die Aussage "solange alle anderen Pferde im Stall gut aussehen, können wir nichts machen". Ein absolutes Unding. Denn Nobelwinds Besitzer wohnte nur zwei Häuser weiter vom Stall und hätte sich ohne großen Aufwand selbst um sein Pferd kümmern können.

Nicole und ich hatten genug gehört. Wir wollten selbst mit dem Mann sprechen. Bereitwillig zeigte man uns sein Haus und wir schellten an der Tür. Doch niemand öffnete. Kurzerhand steckten wir gut sichtbar einen Zettel in den Briefkasten. "Guten Tag, ich möchte Ihr Pferd kaufen. Bitte rufen Sie mich an. Name + Handynummer"

Eine halbe Stunde später, wir waren gerade auf dem Weg zu unseren anderen Pferden klingelte mein Handy und Herr L., Nobelwinds Besitzer war dran. Er würde mir gern sein Pferd verkaufen (klar!) und wir sollten uns doch treffen. Er wolle nicht viel für das Tier haben, 500 DM, es solle bloß weg. Ich war einverstanden und wir verabredeten uns für den nächsten Tag, denn ohne Kaufvertrag wollte ich das Ganze nicht abwickeln und den musste ich nun erst einmal vorbereiten.
Kurze Zeit später jedoch klingelte mein Handy nochmal. Wieder war es Herr L., der mir verkündete, dass er soeben mit dem Pferdeschlachter telefoniert hatte und dass der ihm für das Pferd 750 DM geben würde. Natürlich war ich stinkig und machte dem Mann Vorwürfe, wie mies sein Verhalten doch wäre und dass er doch froh sein solle, dass es sein Pferd gut haben würde. Doch er ließ nicht mit sich reden und zähneknirschend willigte ich schließlich ein. Stellte jedoch gleich klar, dass das mein letztes Wort sei und dass er mit weiteren Preiserhöhungen gar nicht mehr zu kommen bräuchte, sonst würde ich das Pferd nicht nehmen.

Offenbar war er aber mit seinem erzielten Preis einverstanden und so unterschrieben wir beide am nächsten Tag den Kaufvertrag. Papiere für das Pferd bekam ich nur in Kopie mit (er hätte selbst das Original nicht) und großzügigerweise noch Nobelwinds Halfter nebst Strick und einem --> !!! fast vollen Sack Hafer, den der gute Mann in seiner Futterkiste in der Sattelkammer des Stalls eingeschlossen hatte !!!

Noch am selben Tag klärte ich alles weitere mit den anderen Einstellern und dem Stallbesitzer. Nobelwind sollte noch so lange bleiben, bis er ein wenig zugenommen hatte, und er wieder einigermaßen an den Straßenverkehr gewöhnt war. Denn unser Stall lag gut 20 km von Nobelwinds jetziger Bleibe entfernt. Verladen war - logischerweise - nicht möglich. Und so blieb halt nur die Option, das Pferd zu Fuß in sein neues Zuhause zu bringen. Und das muss natürlich vorbereitet werden, um nicht in einem Fiasko zu enden.
Ich war von da ab jeden Tag bei Nobelwind und schon nach drei Tagen spähte er mir gespannt über die Boxentür entgegen, wenn ich den Stall betrat, und freute sich offensichtlich, dass sich endlich wieder jemand mit ihm beschäftigte. Langsam wurde er wieder an den Straßenverkehr gewöhnt, erst mit Hilfe meines Autos, dann gingen wir viel spazieren. Es war jedesmal sehr aufregend für alle Beteiligten, denn wenn sich ein solcher Riese auf einmal neben einem so richtig groß macht und schnaubt, wie ein Drache, dann wird einem schon ein wenig mulmig, wenn man als kleiner, schwacher Mensch mehr oder weniger hilflos an seinem Führstrick baumelt.

Schließlich - es war inzwischen September - sollte die große Reise losgehen. Außer Nicole und mir war noch ein Freund mit von der Partie. Früh morgens ging es los, unter anderem einige hundert Meter an der B 6 entlang und lustigerweise auch noch über eine Autobahnbrücke. Dann zum Glück nur noch kleine Dörfer und Feldwege.  Nicole und ich ritten abwechselnd, unser Bekannter wollte nicht und führte lieber die ganze Zeit (ich glaube, er hat das später bereut *g*).

Bei unserem Stall angekommen, stellten wir Nobelwind ersteinmal auf den Paddock, die anderen Pferde nebenan auf die Weide.  Sie sollten sich erstmal "über den Zaun" kennenlernen. Nach einigen Tagen stellten wir dann alle zusammen und es klappte ohne Probleme. Auch einen Antrag auf einen Equidenpass habe ich für ihn besorgt, ihn chipen und zeichnen lassen und (zum Glück!) dafür gesorgt, dass er als "nicht zur Schlachtung bestimmt" eingetragen wurde. Er bekam seine notwendigen Impfungen und Wurmkuren und der Hufschmied brachte seine Hufe wieder in Ordnung. Allerdings mit Hilfe von Hufeisen (vorn). Nobelwind fügte sich gut ein und Nicole begleitete mich und Santos (meinen inzwischen verstorbenen Trakehner) desöfteren mit ihm auf unseren Ausritten. Auch als Handpferd war Nobelwind ein oder zweimal dabei.

  

Als ich eineinhalb Jahre später in die Nähe von Wolfsburg zog, mussten die Pferde natürlich mit. Nun war die Strecke definitiv zu weit zum reiten und so blieb nur die Fahrt im Anhänger. Doch dank Sedierung und dem ruhigen und erfahrenen Santos neben sich machte Nobelwind diese Reise brav mit.
Ich stellte meine Pferde auf einem Hof ein, der schöne Boxen hatte und auch von der Stallmiete her sehr annehmbar war. Doch leider klappte es nicht mit der erhofften Arbeit und so stand ich nach einem halben Jahr vor der schweren Entscheidung, mich von einem meiner Pferde trennen zu müssen. Santos hätte ich niemals hergegeben, er war mein Augenstern, mein Ein und Alles. Und auch von Schorse, damals knapp über zwei Jahre alt, mochte ich mich nicht trennen. Blieb also Nobelwind.
Die Tochter des Stallbesitzers mochte ihn sehr und hatte ihn auch schon öfter geritten. Und so sagte ich "ja" als er mir anbot, Nobelwind zu übernehmen. Er wusste ja inzwischen alles über das Pferd, seine Vorgeschichte und auch die Sache mit dem gebrochenen Griffelbein. Und es war eigentlich klar, dass Nobelwind im Höchstfall ein gutes Freizeitpferd war, jedoch auf keinen Fall etwas für den gehobenen Turniersport.

Leider blieb Nobelwind nicht lange im Besitz des Stallbesitzers. Erst sollte er an einen Herrn verkauft werden, der gerade einmal 10 Reitstunden hinter sich hatte, sich aber einbildete, DER Reiter schlechthin zu sein. Absolut unsympathisch. Fand übrigens auch das Pferd, das ihn überhaupt nicht leiden konnte und schon mit den Augen rollte, wenn er die Box betrat. Es kam, wie es kommen musste - in einem Anfall von grenzenloser Selbstüberschätzung ritt der Typ mit Nobelwind aus und wurde prompt von ihm abgeworfen. Das Ende vom Lied - er kaufte ihn nicht. Zum Glück.

Es kamen andere Leute, ein Ehepaar, sehr nett, die Nobelwind als Beisteller kauften. Angeblich sollte er ihrem Pferd Gesellschaft leisten und ab und an einen Ausritt machen. Sie ließen sich von mir auch den Equidenpass-Antrag geben und ich erzählte ihnen selbst noch einmal Nobelwinds Geschichte, verschwieg auch seine Verletzung nicht. Die Leute taten sehr verständnisvoll, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen, sie würden ihn gut behandeln und er würde dort seine letzte Station haben.

Ich habe es geglaubt und hatte auch ein gute Gefühl. Nobelwind verließ den Stall und ich hatte keinen Kontakt mehr zu ihm. Hörte jedoch dann und wann, dass es ihm gut ginge und dass alles ok wäre.

 

2005 zog ich dann um ins Wendland. Hier hatte ich endlich wieder die Gelegenheit, meine Pferde direkt bei mir am Haus zu haben. Santos lebte inzwischen nicht mehr, aber Schorse war noch bei mir. Mittlerweile erwachsen und ein Pferdchen, das mit einem durch dick und dünn geht.
Natürlich dachte ich noch an Nobelwind. Schließlich hängt ein Bild von ihm und Santos bei uns in der Wohnstube. Doch ich war ja der festen Überzeugung, dass es ihm gut gehen würde und er irgendwo seinen Lebensabend genießen könne.

Dann kam der 6. September 2009. Es war abends, schon kurz vor 22 Uhr. Ich klickte mich ein wenig durch's Internet und beschloss, mir mal anzuschauen, was für "Beisteller" derzeit im DHD24 inseriert waren (da kann man "lustige" Dinge lesen - Pferde mit Ataxie z. B. die als Lebensversicherung angeboten werden. Oder Leute, die für ihren Junghengst ein altes Pferd zum "spielen" suchen... - eigentlich darf man gar nicht so genau gucken, sonst regt man sich eh nur auf.) 
Beim Überfliegen der Anzeigen fiel mir auf einmal der Name "Nobelwind" ins Auge. Ich schaute genauer hin. 18 Jahre alter Rheinländer sucht letzte Bleibe steht da. Angeboten wurde er für 800 Euro. Gut. MEIN Nobelwind war Westfale. Aber dieses Pferd auf dem Bild... Ich beendete das Telefonat mit meiner Freundin und flitze in die Wohnstube um mir das Bild an der Wand genau anzuschauen. Kein Zweifel. Das Pferd auf dem Bild in der Anzeige war MEIN Nobelwind.
Weiter stand in der Anzeige: Nobelwind ist noch reitbar, aber der Vorbesitzer hat das Pferd undankbar nach jahrelangem gutem Dienst herunterkommen lassen. Wir sind dabei, Futter in den Großen rein zu stecken. Der gute Junge ist dankbar über jede Aufmerksamkeit, die er bekommt. Er ist ein liebevoller Kerl, der es verdient, ein Zuhause zu finden, wo er alt werden kann.

Nachdem ich das gelesen hatte, habe ich erstmal nur noch geheult. Dann habe ich Nicole angerufen. Mittlerweile war es schon nach zehn. Auch sie hat sich die Anzeige angesehen und gesagt: das ist Nobelwind. Zwar hatte sie noch am selben Abend bei den Inserenten angerufen, doch die Mutter konnte keine genaue Auskunft geben und bat darum, am nächsten Tag mit der Tochter, die das Pferdegeschäft führen würde, zu sprechen. Nobelwind sei aber wohl noch da (die Anzeige war vom 20.08.09).

In der Zwischenzeit hatte ich noch eine weitere Anzeige gefunden, die folgendermaßen lautete: Nobelwind ist noch reitbar und soweit fit auf den Knochen. Er ging im Turniersport bis Klasse L Springen wie Dressur. Nun freut er sich, wenn er ab und an mal mit seinem Reiter auf dem Platz oder im Gelände Runden dreht. Er ist auch für Anfänger geeignet.

Ich war platt. Dressur und Springen bis Klasse L ???? Er war als Freizeitpferd und Beisteller von den "netten Leuten" gekauft worden. Hatten sie gelogen? Oder hatten sie vielleicht selbst das Pferd weitergegeben oder weitergeben müssen? Ich wusste es nicht.
Auch für Anfänger geeignet???  Aber mit Sicherheit nicht der Nobelwind, den ich kannte.

Lange Rede - kurzer Sinn. Am Montag, den 07.09. rief ich gleich morgens um halb neun an. Die nette junge Frau am Telefon bestätigte nochmal, dass Nobelwind noch da sei und dass ich ruhig vorbeikommen, und ihn mir anschauen könnte (ich habe erstmal nichts davon gesagt, dass er mal mir gehörte). 
Ich musste noch meine anderen Tiere versorgen, dann habe ich mich mit meinem Mann und einem Chiplesegerät auf den Weg gemacht. Im Gepäck alle Unterlagen, die ich noch von Nobelwind hatte.
Er stand bei einem Händler in Sch. am Elm. Dort war ich schon einmal, als meine Freundin Gaby ein Pferd suchte. Die Tiere dort stehen in großen, sauberen, hellen und luftigen Boxen. Das beruhigte mich, Nobelwind hätte es viel schlechter treffen können. Auch war der Mann damals sehr nett und symphatisch gewesen. Keiner von diesen raffzahnigen Händlern, die einem das Blaue vom Himmel erzählen.

Noch als wir auf dem Hof ankamen, hoffte ich, dass es sich doch nicht um meinen Nobelwind handelte. Doch leider wurde diese Hoffnung zerstört. Winnie - oder besser das, was von ihm übrig war - stand zusammen mit zwei Ponys auf einem Paddock. Erkannte er mich wieder? Zumindest schaute er aufmerksam mit gespitzten Ohren in unsere Richtung und begann auch ziemlich schnell, die Ponys von uns wegzuscheuchen um in Ruhe an uns herumschnuffeln zu können.
Ich hab schon wieder geheult denn er sah einfach nur furchtbar aus. Das linke Karpalgelenk war doppelt so dick angeschwollen, wie das Rechte. Er war dünn und hatte überall Schrammen und Schracken. Die Hufe waren zwar gefeilt, aber man konnte sehen, dass sie vorher lange Zeit vernachlässigt worden waren. Muskulatur war überhaupt nicht mehr vorhanden. Er war stark durchtrittig und offensichtlich völlig fertig auf den Gelenken. Sein rechtes Ohr wies einen senkrechten Spalt von der Spitze etwa drei cm nach unten auf. Wenn er sich bewegte, knackten seine Gelenke als würde man auf dürre Äste treten.
Ich hab nur meinen Mann angesehen und gesagt: "Den lasse ich nicht hier. Winnie kommt wieder mit nach Hause."

Wir haben mit der netten jungen Frau gesprochen und ihr die ganze Geschichte erzählt. Das Winnie mal mir gehörte und unter welchen Umständen er zu mir gekommen war. Sie war sehr erstaunt, freute sich aber für ihn, dass wir ihn wiedergefunden hatten. Das einzige Problem war jetzt nur noch der Kaufpreis. Wir hatten keine 800  Euro, doch zum Glück gab sie ihn uns für das Geld, was wir aufbringen konnten.
Sie erzählte dann noch, dass er noch schlimmer ausgesehen habe, als er angekommen sei. Dass er aber ein ganz Lieber sei, der sich total artig von den Kindern habe reiten lassen. Dazu habe ich lieber nichts gesagt, denn ein Pferd in einem solchen Zustand zu reiten ist etwas, was nicht in meinen Kopf will. Klar, dass er artig war. Wenn man am Ende seiner Kraft ist, wehrt man sich auch nicht mehr.

Wieder zu Hause habe ich mit Nicole und ihrem Freund Tobias gesprochen. Ohne zu zögern haben sie sich bereit erklärt, Nobelwind mit mir zusammen abzuholen, denn mein Golf darf natürlich kein Pferd ziehen. Den Pferdeanhänger konnte ich mir von Gaby leihen. An dieser Stelle nochmal ein dickes DANKESCHÖN an die drei. Denn das ist nicht selbstverständlich.

Am Donnerstag, den 10.09. ging es also los. Wir haben mit dem Golf den leeren Anhänger nach Sch. gebracht und uns dort mit Tobias getroffen, der extra aus Hannover angefahren kam. Dann wurde der Anhänger an sein Auto gehängt und das Pferd verladen. Erst wollte er zwar nicht so wirklich, aber nach einigen Minuten guten Zuredens krabbelte er dann doch artig auf den Anhänger.

Zuhause bekam er erstmal den Paddock neben Fran und Ditschi. Zum Eingewöhnen. Und zum erstmal in Ruhe essen können.
Heute, am Freitag, war unsere Pferde-Tierärztin da. Sie war geschockt und auch wütend über die Gleichgültigkeit und Ignoranz der Menschen, als sie Nobelwind sah. Ich hatte ihr die ganze Geschichte erzählt und sie schüttelte nur noch mit dem Kopf. Was die Menschen den Pferden nur antun! Ein Tier so runterkommen zu lassen.
Vorläufiges Ergebnis der Untersuchung: das Pferd ist definitiv nicht mehr reitbar (es war uns eigentlich schon klar, als wir ihn das erste Mal wiedergesehen hatten). Das Pferd ist völlig platt, runtergeritten und verschlissen. Was mit dem Karpalgelenk ist, wird sich Montag oder Dienstag zeigen. Dann wird es geröngt. Sollte sich herausstellen - und da sind wir und die TÄ uns einig - dass Nobelwind dauerhaft an Schmerzen leidet, werden wir ihn über die Regenbogenbrücke schicken.
Kann man ihn wieder aufpäppeln und er hat keine Schmerzen, darf er hier alt werden.

 

 

Es ist einfach nur schlimm, was den Tieren - oft auch gedankenlos - angetan wird. Sie werden benutzt und als Sportgeräte missbraucht. Und wenn sie nichts mehr taugen - tja, dann vergisst man sie eben. Ich bin mir sicher, hätte in Nobelwinds Equidenpass nicht gestanden, dass er nicht geschlachtet werden darf, dann wäre dieses arme Tier schon längst auf einen dieser fürchterlichen Transporte nach Frankreich oder Italien geschickt worden. Was das für ein Pferd mit Hängertrauma bedeutet hätte, stunden- und tagelang zusammen mit anderen Pferden in einem Transporter eingepfercht zu sein, kann sich wohl jeder denken.

Diese Geschichte zeigt auch, dass viele Pferde bis zum Schluss noch Geld bringen müssen. Sie werden rücksichtslos vermarktet. Nobelwind ist noch reitbar - er ist soweit fit auf den Knochen     Einen Sch**ß ist er!
Er ist eine arme, gequälte Kreatur, dem es Schmerzen bereitet, wenn sich ein Reiter ohne nachzudenken oder aus purem Egoismus auf seinen Rücken setzt, der so ganz ohne Muskulatur gar nicht mehr in der Lage ist, dieses zusätzliche Gewicht auch noch zu tragen.
Er ist ein ausgebeutetes Pferd, dem die Beine schmerzen, wenn sie außer seinem eigenen Gewicht auch noch das eines Reiters tragen sollen. Womöglich auch noch im Trab und im Galopp. Schön auf dem Platz oder gar noch im Gelände!
Ein bisschen Futter und Fett auf die Rippen, vielleicht noch ein paar Eisen an die Hufe und schwupp - läuft der Gaul wieder. Es ist nur noch traurig.

Ich verstehe nicht die Vorbesitzer, denen er brav gedient hat. Warum hatten sie nicht den Schneid, das Pferd einschläfern zu lassen, nachdem sie ihn zu Schanden geritten haben? Warum musste er NOCHMAL verkauft werden. NOCHMAL Geld bringen? Feigheit? Dummheit? Ignoranz? Das Denken, ein guter Mensch zu sein, weil man ja seinem ausgedienten Sportgerät ganz gönnerhaft nochmal die Chance gegeben hat, ein neues Zuhause zu bekommen und weiter benutzt und ausgenutzt zu werden? Die Eitelkeit, sich hinzustellen und zu prahlen: wir haben das Pferd noch vermittelt! Wir haben es nicht einfach getötet! Was sind wir doch für tolle Menschen! ??

Eines steht für mich fest: Ich werde niemals wieder ein Pferd als Beisteller abgeben. Denn offenbar ist es ja sehr aktuell (man hört es auch immer wieder von anderen), dass sich Leute einfach nur billigst ein Reitpferd zulegen wollen und es ihnen herzlich egal ist, warum ein Beisteller ein Beisteller ist. Und Nobelwind? Für den ist hier definitiv die letzte Station seines Lebens. Und wie lange dieses Leben noch dauern wird, das wird sich Anfang der nächsten Woche herausstellen. Hoffen wir das beste. Und hoffen wir, dass die Menschen endlich begreifen, dass sie Verantwortung für ein Lebewesen übernehmen. Und das diese Verantwortung nicht mit einem Verkauf enden darf.

 

Neues:
Heute, am 15.09.09 wurde Winnies Karpalgelenk geröntgt. Wir alle hatten Angst vor der Diagnose. Doch dann die Überraschung: glücklicherweise hat er dort "nur" eine Schleimbeutelentzündung (ziemlich schmerzhaft) und keine Arthrose, wie von uns und auch der TÄ befürchtet. Er muss einen Schlag/Tritt abbekommen oder sich selbst irgendwo angestoßen haben. So bildete sich ein Bluterguss und im Anschluss daran eben diese Entzündung. Es ist allerdings keine Flüssigkeit in der Schwellung, so dass nicht punktiert werden kann. Das Bein muss nun jeden Tag mit zwei verschiedenen Mitteln im Wechsel eingerieben werden, unterstützend bekommt unser Schatz noch Traumeel-Tabletten in sein Futter.

Auch der Hufschmied war heute da und hat Winnies Hufe bearbeitet. Er sagte, das muss mal ein wunderschönes Pferd gewesen sein. Und das war er auch. Ist er auch irgendwie immer noch. Ich vergleiche es immer mit einem einst prunkvollen und wunderschönen Gebäude, welches im Laufe der Zeit vernachlässigt wird und verfällt, welchem man aber immer noch seine einstige Schönheit ansehen kann. So erscheint mir das bei Winnie auch.

Seine Lebensgeister scheinen definitiv zurückzukehren. Seit er hier ist, wird er von Tag zu Tag munterer. Und heute ist er das erste Mal wieder so richtig über die Koppel getobt und hatte mächtig Spaß dabei (hatte sehr Angst um sein Gelenk aber es scheint ihn nicht gestört zu haben). Er hat den Schweif aufgestellt und den Hals edel gewölbt und mächtig angegeben. Sogar mein Schimmel hat doof geguckt (und der Schmied auch ein bisschen *g*). Vielleicht spürt Winnie ja, dass er nicht länger abgeschoben werden soll. Dass er jetzt endlich zu Hause angekommen ist und die Fürsorge und Pflege bekommt, die er verdient.

   

Der Herbst kam und Nobelwind ging es stetig schlechter. Seine Knochen und Gelenke schmerzten, man sah es ihm an. Merkte es an seinem Verhalten, auch den anderen Pferden gegenüber, zu denen er sehr unleidlich wurde. Er nahm wieder extrem ab und war trotz Decke nicht mehr aufzufüttern. Schmerzen. Ich habe lange Gespräche mit meiner Tierärztin geführt. Lange nachgedacht und mit mir gerungen. Aber letztendlich gab es nur eine einzige, richtige Entscheidung: Nobelwind von seinen Leiden zu erlösen. An einem sonnigen Tag im Herbst ging Winnie seinen letzten Weg. Bis zum Schluss war ich an seiner Seite. Hielt seinen Kopf, als er zuerst die Spritze mit dem Sedativum bekam und ihm schließlich das Euthanasetikum. Er schlief friedlich ein. Bis zum Schluss ein edles, stolzes, wunderschönes Pferd. Ich bin froh, dass er noch ein Jahr zu Hause verbringen durfte. Dass ich zum Schluss an seiner Seite war und ihn nicht allein gelassen habe. Ich bin froh, dass es Nobelwind gab und ich ihn ein Stück seines Lebensweges begleiten durfte.